Computerspielen beeinflusst das Gehirn negativ
Gravierende Mängel in Problemlösungs-, Handlungskompetenz und Konzentrationsfähigkeit
Exzessive Computer-Nutzer bekommen ein anderes Gehirn und werden süchtig. 600.000 Jugendliche sollen Schätzungen zufolge betroffen sein. Zu diesem Ergebnis kommen der Göttinger Hirnforscher Prof. Gerald Hüther und der Hannoveraner Familientherapeut Wolfgang Bergmann in der aktuellen Untersuchung "Computersüchtig - Kinder im Sog der modernen Maschinen". Hüther leitet die Abteilung für neurobiologische Grundlagenforschung an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen.
Wer sein Zentralnervensystem immer weniger für die Entwicklung realer Beziehungen einsetzt und es stattdessen virtuell benutzt, der bekommt ein Gehirn, das zwar für das virtuelle Leben optimal angepasst sein mag, mit dem man sich aber kaum in der Realität zurechtfinden kann. Die derzeitige Gesellschaftsentwicklung fördere Perspektivlosigkeit und Unsicherheit unter der Jugend, so Hüther. Zugleich könnten die Familien immer weniger Bindungskraft und Verlässlichkeit bieten. Ein realer Hintergrund für Sucht also. Mit Hilfe von Spielen wie beispielsweise dem Online-Game "World of Warcraft" verschafften sich Jugendliche ein neues, virtuelles Ich. Während das reale Selbst voll von Versagensängsten sei, vermittle die virtuelle Welt des Massive Multiplayer Online Roleplaying Game (MMORPG), dem jugendlichen Spieler: Hier wirst Du gebraucht – mit eben jenen positiven Gefühlen, die in der realen Welt außen vor blieben.
Weil das Gehirn so wird, wie man es nutzt, funktionieren derartig virtuell genutzte Hirne anders. Sie sind optimiert für die Anforderungen der virtuellen Welt. In der realen Welt erweisen sie sich als labil. Moderne bildgebende Verfahren gestützte neurobiologische und psychologische Untersuchungen zeigen, wie sehr die allseitige Strukturierung und Vernetzung des jungen Gehirns von der realen Betätigung und realen Gemeinschaft abhängig ist. Wo dies durch tägliches exzessives und stundenlanges Computerspiel ersetzt wird, dort entwickelt sich eine Hirnstruktur mit eingeschränkten und veränderten Verschaltungen. Damit einher geht zwar eine für die Computerwelt meisterhafte Optimierung der Wahrnehmung, des Raum- und Zeitempfindens und der Gefühlswelt. Erkauft wird das allerdings mit einem Verlust zahlreicher für das reale Leben erforderlicher Verschaltungen, die weder gebahnt noch stabilisiert werden.
Verschaltungen sind neuronale Netzwerke und werden mit Hilfe des frontalen Kortex aufgebaut. Diese verschiedenartigen neuronalen Netzwerke lassen uns die unterschiedlichen komplizierten Lebensaufgaben bewältigen. Mit den neuronalen Netzwerken exzessiver Computerspieler, die über eine enorme assoziative visuelle Kompetenz verfügen, sind diese Lebensanforderungen nicht zu bewältigen. Sie sind defizitär und machen eine Orientierung im realen Leben schwer oder gar unmöglich. Sie zeigen, so die Wissenschaftler, gravierende Mängel in strategischer Kompetenz, in der Problemlösungs- und Handlungskompetenz und in der Konzentrations- und Einsichtsfähigkeit. Und ist einmal der Zauber der virtuellen Welt entdeckt, dann werden die realen Bedürfnisse ersatzweise virtuell befriedigt. Wie ein mächtiger Sog zieht es die Kinder dorthin. Es ist schwer, von dieser Spirale wieder loszukommen.
Die Therapie, computersüchtigen Jugendlichen ihre PCs zu nehmen, funktioniert nicht. Es bleibt die Aufgabe, diesen Kindern und Jugendlichen Bedingungen zu verschaffen, die ihnen helfen, sich im realen Leben wieder zu finden, sich dort zu verwirklichen. Damit sie ihr Selbstwertgefühl, ihren Mut und ihre Lust am realen Leben, am Entdecken und am Gestalten zurück gewinnen. Solche neurobiologischen und psychologischen Erkenntnisse weisen darauf hin, dass es nötig sein könnte, die jetzige Gesellschaftsordnung, in der der großen Masse der Menschen die Gestaltung der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Verhältnisse verwehrt ist, zu überdenken und nachhaltig zu verändern. Gut möglich ist, dass die Beschäftigung damit und der reale Einsatz für diese erforderliche Veränderung sich positiv auf die Hirnstruktur auswirke. Eben, weil das Hirn so wird, wie man es nutzt.
